19 Mai 2007

Als Deutscher im Ausland

Der Garchinger Journalist Patrik Stäbler hat im Sommer sein Studium beendet. Nun erfüllt sich der 27-Jährige einen Traum: In sieben Monaten reist er einmal um die Welt. An dieser Stelle berichtet er alle zwei Wochen von seinen Erlebnissen.

Uyuni, Bolivien (ps) - Eine meiner ersten Urlaubserinnerungen stammt aus England. Ich war keine zehn Jahre alt und mit meinen Eltern im Süden der Insel in einer Ferienanlage. Schnell lernten mein Bruder und ich andere Urlaubskinder kennen, unter anderem einen gleichaltrigen Jungen aus England. Ich erinnere mich nicht, warum wir damals stritten, doch ich weiß noch, wie es endete: Der englische Junge legte seinen Finger auf die Oberlippe und brüllte uns "Hitler! Hitler!" entgegen. Heute würden Zehnjährige wohl anders reagieren - ich befürchte, einige hätten für solche Fälle ihr Springmesser griffbereit - doch mir fiel damals nur eines ein: heulend zu Mutter flüchten.
In den folgenden Jahren machte ich weitere Erfahrungen als Deutscher im Ausland und nur selten fielen sie positiv aus. Wahlweise waren wir verkappte Nazis, arrogante Piefkes, Bier saufende Teutonen oder Sandalen mit weißen Socken tragende Langweiler. Sicher, offene Anfeindungen blieben die Ausnahme, doch in mancher Situation habe ich auf die Frage nach dem Heimatland mit Schweiz (mag jeder) oder Liechtenstein (kennt keiner) geantwortet.
Entsprechend war ich zu Beginn meiner Weltreise leicht nervös, wenn Einheimische nach meiner Herkunft fragten. "Deutschland, München", murmelte ich leise und war überrascht von den Reaktionen. "Munich", riefen Australier und Neuseeländer unisono mit glänzenden Augen. "Da muss ich unbedingt mal hin. Zum Oktoberfest." In Südamerika war nicht Bier, sondern Fußball der erste Gedanke beim Stichwort Deutschland. "Was eine Weltmeisterschaft! Ihr hättet den Titel verdient", hörte ich sogar in Argentinien, so dass ich dort im Gegenzug das Thema Elfmeterschießen nicht einmal erwähnte. Allein von Südostasiaten erntete ich als Münchner traurige Blicke. "Ballack zu Chelsea", erklärten sie mitleidsvoll, als wäre ich persönlich für das Schicksal des FC Bayern verantwortlich. Doch abgesehen davon waren die Menschen auch hier begeistert, einen Deutschen zu treffen.
Fast noch mehr als die Einheimischen überraschten mich jedoch andere Reisende. Engländer, Franzosen, Spanier, Kanadier – fast jeder wusste etwas Positives über meine Heimat zu berichten. Eine Amerikanerin in Argentinien erklärte etwa: "Du kommst aus Deutschland? Das ist aber cool." Und während ich überlegte, wann ich Deutschland und cool das letzte Mal in einem Satz gehört hatte, fuhr sie fort: "Da würde ich gerne Urlaub machen: Berlin sehen, München und Amsterdam." Hier konnte ich mir ein Lächeln nicht verkneifen, doch gesagt habe ich kein Wort.

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Auch die Maoris in Neuseeland haben Deutsche gern

In: Münchner Merkur, 19./20. Mai 2007

2 Comments:

At 1:47 nachm., Anonymous Anonym said...

Hallo Patrik,
leider muss ich Dir widersprechen, auch 20 Jährige Engländer reagieren so. Leider schon erlebt!
Liebe Grüße und wir freuen uns auf Dich Denis

 
At 8:27 vorm., Anonymous Necia said...

Great work.

 

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