22 Mai 2007

Gewichtiges aus Valparaiso

Da stand ich also, in einem der schäbigeren Nachtklubs von Valparaiso, mitten auf der Tanzfläche und mit einem Whisky-Cola in der Hand - aus Rücksicht auf Mama sei es einmal dahin gestellt, der Wievielte. Vor mir tanzte ein grinsender 150-Kilo-Koloss von den Osterinseln, der den Whisky spendiert hatte und neben ihm lachte mich ein junge Chilenin an, die er mir als "mi hermana", seine Schwester, vorgestellt hatte. Momente wie jener - vollkommen ungeplant, ein wenig bizarr und Zuhause niemals denkbar - sind wohl der Hauptgrund, warum Reisen in gewisser Weise süchtig machen kann. Denn so beeindruckend die Orte und Sehenswürdigkeiten auch sind, so lecker das fremde Essen, so interessant die kulturellen Erfahrungen - das alles kann mit den Menschen, denen man auf solch einer Reise begegnet, nicht mithalten. Wie eben jenes tanzende Ebenbild eines neuseeländischen Rugbyspielers, der mir in Valparaiso über den Weg lief. Wie es dazu kam? Ein kurzer Erklärungsversuch.

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Die außergewöhnliche Architektur macht Valparaiso einzigartig

Eigentlich hatte es wie ein typischer Backpacker-Abend begonnen. Untertags war ich im Hostel mit Neil ins Gespräch gekommen, einen sympathischen Deutsch-Amerikaner aus Heidelberg, und hatte mich mit ihm für den Abend auf ein Bier verabredet. Während wir im Gemeinschaftsraum der Herberge an unseren brasilianischen Brahma-Dosen nippten und Reisegeschichten austauschten, schloss sich uns Stephan an, ein in Frankreich geborener Engländer, für den es nach fünf Monaten Südamerika am übernächsten Tag zurück in die Heimat ging. Nach dem ein oder anderen weiteren Bierchen und viel später als geplant zogen wir schließlich gegen Mitternacht los, um das Nachtleben Valparaisos zu erkunden. Per Zufall landeten wir in einem irischen Pub, der in etwa so irisch war, wie gutes Wetter. Wir wollten schon weiterziehen, da rannte ich auf der Toilette in einen Schrank von einen Chilenen, der sich gerade die Hände wusch. "Como estas?" (Wie gehts?), fragte ich - eine Begrüßung, die in Deutschland mit argwöhnischen Blicken geahndet wird, in jedem anderen Land jedoch völlig normal ist. "Danke bestens", antwortete Goliath. "Wo kommst du her, Bruder?" Ich erklärte ihm also "Deutschland, meine beiden Freunde aus England und Amerika", woraufhin er darauf bestand, dass wir drei uns zu ihm und seinen beiden Kollegen an den Tisch setzen - wie im Comic war einer von ihnen riesig (geschätzte 150 Kilo), einer groß (~ 110kg) und einer winzig (~60kg).

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"Valpo" ist zweifelsfrei einer der charmantesten Städte Südamerikas: Hier einer der für den Ort charakteristischen Schrägaufzüge

Was danach folgte, waren einige ungemein lustige Stunden, was ich vor allem auf drei Dinge zurückführe: (a) Die drei Jungs waren zum Brüllen komisch und hatten unzählige Anekdoten parat, (b) da die drei nur sehr wenig Französisch und Englisch sprachen, und die Spanischkenntnisse von uns dreien durchaus verbesserungswürdig sind, unterhielten wir uns in einem interessanten Sprachengemisch - inklusive zahlreicher, immer für Lacher sorgende Versprecher, sowie (c) die volle Flasche Whisky, aus welcher der Riese jedem Anwesenden fleißig nachschüttete. Nachdem sich die irische Bar genauso wie unsere Whiskeyflasche langsam geleert hatte, mussten die Osterinsel-Drillinge uns nicht lange überreden, noch "ihren" Nachtclub in Valparaiso zu besuchen. "Nur Leute aus Rapa Nui (Osterinsel) und lauter hübsche Mädchen", versicherte mir der Mittelgroße mit leuchtenden Augen. Kaum angekommen, wartete dort die nächste Whiskyflasche - ohne Bestellung: es schien tatsächlich "ihr" Laden zu sein - so dass ich langsam nicht nur einen schweren Kopf, sondern auch ein schlechtes Gewissen bekam. "Komm schon, jetzt laden wir euch mal ein", brüllte ich gegen die ohrenbetäubende Tanzmusik an. Es war ein vergeblicher Versuch. "Nein, nein, mein Bruder. Du trinkst und tanzt jetzt", erklärten die 175 Kilo lachend und versetzten mir einen, für ihn wohl leichten, Stoß, der mich wie ein Curlingstein in die Raummitte gleiten ließ. Da stand ich also, in einem der schäbigeren Nachtklubs von Valparaiso, mitten auf der Tanzfläche und mit einem Whisky-Cola in der Hand - aus Rücksicht auf Mama sei es einmal dahin gestellt, der Wievielte.

1 Comments:

At 10:08 vorm., Anonymous Stanilson said...

Hola amigo!

Sehr witzige Geschichte, habe mir gerade dieses enorme dreiergespannl vorgestellt und musste einfach nur lachen. Ich sehe du nutzt die Zeit. hau rein und bis bald

Stan

 

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