02 Juni 2007

"Und, wie war's?"

Raspberry Dessert - so lautete die harmlose Bezeichnung jenes farbenfrohen Geschmacksabenteuers, welches ich vor sieben Monaten im Flieger von München nach London als Nachmittagssnack zusammen mit einem Lächeln von der nicht unattraktiven Stewardess serviert bekam. Der Name steht ganz oben unter dem Datum (30. Oktober) auf der ersten Seite in meinem kleinen Reisenotizbuch. Heute, 214 Einträge und Tage später, sitze ich erneut im Flugzeug und auch wenn der Imbiss - ein Hühnchensandwich samt Schokoriegel - diesmal weit weniger aufregend für die Geschmacksnerven ist, so muss ich doch an jenen verregneten Oktobertag im letzten Jahr denken. Schließlich war er der Auftakt meiner Weltreise, die mich durch drei Kontinente, elf Länder und einmal um den Erdball gebracht hat. Mit dem heutigen Flug von London nach München geht diese für mich äußerst ereignisreiche Zeit zu Ende. In weniger als einer Stunde werde ich wieder heimischen Boden unter den Füßen haben. Ich bin voller Vorfreude: Endlich Familie und Freunde wiedersehen. Ich verspüre Traurigkeit: Das von mir so geliebte Reiseleben hat vorerst ein Ende. Ich bin gespannt: Was hat sich in meiner Abwesenheit verändert? Und ich habe Angst - vor einer Frage, die nach meiner Ankunft so unvermeidlich ist, wie Doping im Radsport: "Und, wie war's?"

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Beeindruckende Orte - hier die Ruinen von Angkor in Kambodscha

Gut, schön, erlebnisreich, interessant, lehrreich, abenteuerlich - selbst nach einem ausgiebigen Studium diverser Adjektivlisten wurde mir schnell klar, dass eine angemessene Antwort auf die "wie war's?"-Frage nicht leicht sein würde. Auch die Idee des schlichten Aufzählens der von mir besuchten Länder, Touristenattraktionen, Metropolen, der kulinarischen Eindrücken, Erlebnisse mit Einheimischen oder Freundschaften mit anderen Reisenden verwarf ich bald, schließlich würde jede dieser Aspekte nur einen Bruchteil meiner Erfahrungen beschreiben. Für einen Moment dachte ich an die knapp 2.000 Fotos, die ich in während meiner Globusumrundung geschossen habe. Doch zum einen wären die notwendigen stundenlangen Diaabende wohl ähnlich spannend wie Landtagswahlen in Bayern und zum anderen sind selbst die besten Bilder in den meisten Fällen nur ein milder Abklatsch des tatsächlich Erlebten. Außerdem: Wie kann ein Foto jenes Gefühl einfangen, das ich empfand, als mich die bettelarme, vietnamesische Familie auf Cat Ba spontan zum Essen einlud, obwohl wir uns gerade fünf Minuten kannten und aufgrund der Sprachbarriere nur anschwiegen und angrinsten? Oder den Geschmack des eiskalten Bieres am Strand von Coral Bay, während die Sonne glitzernd im Indischen Ozean versank und ich dieses Schauspiel mit zehn anderen Reisenden aus sechs unterschiedlichen Ländern bewunderte? Ihr seht: Auch Fotos bieten vor den drohenden "wie war's?"-Salven keine Rückendeckung.

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Nette Menschen - hier inmitten von Backpackern in Australien

Dabei wäre das Ganze doch so einfach, denn manchmal bedarf es keiner langen Reden, um die Reiseerlebnisse von sieben Monaten in Worte zu fassen. Am letzten Tag in Buenos Aires saß ich etwa mit meinem nordirischen Freund Mark in der hauseigenen Bar der Jugendherberge und nippte an einem Quilmes, Argentiniens beliebtestem Bier, das in etwa so schmeckt wie ein Helles in Bayern - wenn man es im Verhältnis 1:10 mit Wasser mischt. Da fragte mich Mark: "Morgen geht es also nach Hause? Nach sieben Monaten? Das ist eine verdammt lange Zeit. Also, wie war's?" Meine Antwort überraschte mich selbst ein wenig, denn sie bestand nur aus einem einzigen Wort: "Amazing!" Doch zusammen mit dem Leuchten in meinen Augen war das genug: Mark hatte mich verstanden - von Backpacker zu Backpacker.

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Unvergessliche Momente - hier bei den Boca Juniors in Buenos Aires

Doch im heimischen Deutschland werden wohl nur die wenigsten Gesprächspartner auf eigene Erfahrungen als Dauerreisende zurückgreifen können, so dass eine findige Antwort auf die "wie war's?"-Frage hier ungleich schwerer ist. Denn ihnen die Eindrücke einer solchen Reise zu beschreiben, ist in etwa so, wie wenn man einem Blinden die Farbe blau erklären will. Ich müsste dazu tagelang von den von mir bereisten Ländern berichten, den Touristenattraktionen genauso wie dem tristen Hinterland, den stundenlangen Busfahrten, Jeeptouren, Taxifahrten, von den Menschen dort erzählen, ihren Bräuchen, Traditionen und Eigenheiten. Ich müsste meine Gefühle darlegen - positiv wie negativ - etwa beim Anblick einer zeigefingergroßen Kakerlake unter dem Kopfkissen in Bangkok, beim Gespräch mit jener bildschönen Argentinierinnen in Humahuaca, beim Aufstieg auf den qualmenden Vulkan Villarica in Chile und bei den unzähligen weiteren unvergesslichen Momenten. Ich müsste ganze Fotokataloge zusammenstellen, dazu die in den verschiedenen Ländern probierten Speisen servieren, Gerüche und Geräusche vermitteln und noch vieles mehr. All das wird in meinem Kopf vorgehen, wenn ich Zuhause wieder einmal gefragt werde: "Und, wie war's?". Wer ganz genau hinsieht, wird wohl ein unbewusstes Lächeln über mein Gesicht huschen sehen und nachdem ich einmal tief durchgeatmet habe, werde ich sagen: "Nett. Es war wirklich nett."

2 Comments:

At 2:34 nachm., Anonymous Andrea aus Berlin said...

Hallo Patrik,

keine Angst, ich werde Dich nicht fragen "Und, wie war's?".

Ich möchte Dir nur für Deine Artikel danken, mit denen Du die Daheimgebliebenen und Wiederangekommenen an Deinen Erlebnissen teilnehmen lassen hast. In jedem einzelnen fühle ich die Begeisterung und Leidenschaft für's Reisen, was mein Fernweh ein wenig gemildert hat. Ich glaube, vom Reisevirus befallen zu sein, ist die einzig angenehme Krankheit auf Erden.

Ich wünsche Dir einen guten Start in München und wenn's Dich mal nach Berlin verschlägt, gib mir vorher ein Zeichen, auch wir haben ein paar Biergärten :-)

 
At 5:35 nachm., Blogger Patrik said...

jaja, Biergärten, aber leider mit dem falschen Bier...Nein, Berlin steht sicher ganz weit oben auf meiner (viel zu langen) Reiseliste, vor allem, weil ich auf meinem Trip so viele nette Leute aus der Hauptstadt getroffen habe.
In diesem Sinne liebe Grüße und auf ein baldiges Wiedersehen bei dem ein oder anderen Berliner Kindl,
Patrik

 

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